Erdgas

Gas – zu Unrecht unterschätzt

Für eine Spezialwoche zum Thema Gas bei „energate messenger.ch“ hat VSG-Direktorin Daniela Decurtins den Auftaktsbeitrag verfasst. Darin zeigt sie auf, wie sich die Gasversor-gung in der Schweiz entwickelt hat und welchen Beitrag Gas leisten kann zur Schweizer Energie- und Klimapolitik.

Die Gasversorgungen in der Schweiz waren seit jeher Fahnenträger des Fortschritts. Vor mehr als 150 Jahren brachten sie mit Stadtgas Licht in die Strassen der Städte und lösten die russenden Öllämpchen ab. Damals wurde Gas noch aus destillierter Kohle gewonnen. In den 1970er Jahre wurde schliesslich Erdgas in der Schweiz eingeführt, um unser Land unabhän-giger vom Erdöl zu machen. Der Endverbrauch betrug damals 6000 GWh, heute liegt er bei fast 39‘000 GWh. Mit einem Anteil von 14 Prozent am Endenergieverbrauch ist Erdgas inzwi-schen der drittwichtigste Energieträger der Schweiz und damit genauso bedeutsam wie die Schweizer Wasserkraft, was den Energieverbrauch anbelangt. Dennoch ist das Wissen, wie Erdgas eingesetzt werden kann, noch wenig verbreitet. Vielen ist zwar bekannt, dass es zum Heizen oder Kochen verwendet wird, den Kochsendungen sei Dank. Deutlich weniger Men-schen ist bewusst, dass es in der Industrie etwa in der Produktion von Stahl, Papier oder Chemie- und Pharmaprodukten eingesetzt wird – überall da, wo Dampf, heisses Wasser, Temperaturen von bis zu 2500 Grad oder auch Kälte erforderlich sind. Und zu guter Letzt: wer spricht schon auf der Strasse gross über Gasmobilität, während die Elektromobilität in aller Munde ist? In Zahlen ausgedrückt, präsentiert sich dies dann nüchterner: Mit 42% des Endverbrauchs sind die Haushalte die grösste Verbrauchergruppe, gefolgt von der Industrie mit 34% und dem Dienstleistungsbereich mit 23%. In geringerem Masse (knapp 1%) kommt Gas im Verkehr zum Einsatz.

20‘000 Kilometer Gasnetze

Durch Netzerweiterungen, neu erschlossene Gemeinden und neue Kunden konnte Erdgas in den vergangenen Jahren seine Stellung im Schweizer Energiemarkt stetig ausbauen und fes-tigen. Über zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung wohnt mittlerweile in mit Erdgas erschlos-senen Gemeinden. Konstante und eigentlicher Vermögenswert der Unternehmen ist das un-terirdische Transport- und Verteilnetz, das eine Länge von rund 20‘000 Kilometer aufweist und einen Milliardenwert besitzt. Nicht nur, dass dieses den Bürgerinnen und Bürgern gehört, es ist auch wandlungsfähig bezüglich des Energiemediums, das hier transportiert wird und seiner Möglichkeiten, Energie auch zu speichern.

Die Schweizer Gaswirtschaft wird in Zukunft noch stärker erneuerbar werden. Die Branche hat sich das Ziel gesetzt, den Anteil von Biogas und anderen erneuerbaren Gase im gasver-sorgten Wärmemarkt bis 2030 auf 30% zu steigern. Inzwischen gibt es über 30 Biogasanla-gen in der Schweiz, die das Gas direkt ins Netz einspeisen. In den vergangenen 10 Jahren hat es die Gaswirtschaft geschafft, die einheimische Biogasproduktion zu verzehnfachen. Biogas erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit, so dass es inzwischen auch importiert wird, um die grosse Nachfrage zu decken. Viele Gasversorger sind inzwischen dazu übergegan-gen, dem Erdgas-Standardprodukt einen festen Anteil von Biogas beizumischen; in der Regel sind es 5 oder 10 Prozent, erste weisen bereits einen 20 Prozent-Anteil am Standardprodukt auf. Verschiedene Gasversorger bieten ihren Kunden nach Wunsch auch höhere Biogas-Anteile an. Im Treibstoff, der an den Schweizer Erdgas-Tankstellen bezogen werden kann, ist mindestens 10% Biogas beigemischt; der durchschnittliche Anteil im Treibstoff liegt in der Schweiz aktuell bei knapp 25%.

Höhere Versorgungssicherheit dank Gas

Derzeit wird wieder mehr über Gas gesprochen als auch schon. Einige wollen es in die fossile Ecke stellen. Andere anerkennen zunehmend, dass Gas einen bedeutenden Beitrag leisten kann, um in Zukunft die Energiesysteme erneuerbarer und effizienter zu machen, dies dank den Möglichkeiten, die Gas und seine Netzinfrastruktur bieten. Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen (WKK) wie Blockheizkraftwerke sind in der Lage, im Winter einen wichti-gen Beitrag zur Versorgungssicherheit und zur Stabilität des Stromnetzes zu leisten, da sie nicht nur Wärme, sondern auch Strom produzieren. Im Weiteren können die heutigen Ener-giesysteme hin zu mehr Sonnen- und Windenergie nur umgebaut werden, wenn diese ins Gesamtsystem integriert werden und Speichermöglichkeiten vorhanden sind. Es stellt sich beispielsweise die Frage, wie sich Solarstrom, der im Sommer anfällt, im Winter nutzen lässt. Hier bietet die Power-to-Gas-Technologie interessante Lösungen an. Mit diesem Verfahren kann überschüssig anfallender Strom aus erneuerbaren Quellen in Form von Methan oder Wasserstoff saisonal gespeichert werden, was mit Batterien nicht möglich ist.

Strom, Gas, Wärme und Verkehr sind heute mehrheitlich isoliert betrachtete Bereiche und funktionieren noch weitgehend unabhängig voneinander. Wenn es gelingt, diese intelligent miteinander zu verknüpfen – man spricht von Sektorkopplung –, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten, erneuerbare Energie in die Energiesysteme zu integrieren und den CO2-Ausstoss zu senken. Das eröffnet den Energieversorgungsunternehmen auch neue Ge-schäftsmodelle, etwa Bündelangebote, wie sie im Telecombereich schon längstens bekannt sind.

Gas hat sich in seiner Geschichte stets als dem Fortschritt verpflichtet gezeigt. Auch heute ist die Branche wieder bereit und auch in der Lage, mit verschiedenen Möglichkeiten einen Bei-trag bei der Neuausrichtung der Energie- und Klimapolitik in der Schweiz zu leisten. Sie steht mit diesem Credo nicht alleine da, auch weitere Kreise wie etwa die Strombranche attestieren ihr mittlerweile diesen Stellenwert. 

Daniela Decurtins, Direktorin Verband der Schweizerischen Gasindustrie VSG

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