Ausgabe 8 / November 2008
Von Njord reist norwegisches Erdgas 2‘000 Kilometer bis in die Schweiz
Norwegen ist ein wichtiger Eckpfeiler der Schweizer Erdgas-Versorgung. Fast ein Viertel des Schweizer Erdgas-Bedarfs deckt Erdgas aus Norwegen. „Gasorama“ hat ein Team des Schweizer Fernsehens auf die Förderplattform Njord im Norden Norwegens begleitet. Diese fördert Erdgas und Öl. Allein diese Bohrinsel könnte zwei Drittel des jährlichen Schweizer Bedarfs an Erdgas decken.
Knapp 30 Minuten dauert der Flug im Helikopter von Kristiansund auf die 130 Kilometer vom Festland entfernte Bohrinsel. Mit an Bord noch ein Dutzend Männer, die auf der Plattform arbeiten werden und dort Kollegen ablösen. Bis kurz vor dem Abflug war noch fraglich gewesen, ob eine Landung überhaupt möglich sein wird. Von Windgeschwindigkeiten über 100 Stundenkilometer und Wellen bis zu 11 Meter hoch hatte Rune Adolfsen berichtet. Er ist Chef mehrerer Förderanlagen des Konzerns StatoilHydro in der Region. Wegen der durchziehenden Tiefdruckzone liegen sogar die grossen Versorgungsschiffe seit zwei Tagen im sicheren Hafen. Alle Personentransporte auf die Plattformen erfolgen aus Sicherheitsgründen durch die Luft, Material und Proviant werden mit Versorgungsschiffen gebracht. Ein grosser Kran hievt es dann auf die Plattform. Voraussetzung ist wenig Seegang.
Extrem hohe Sicherheitsstandards
Jetzt stecken wir in orangefarbenen Anzügen, die nach einer Notlandung in der wenige Grad warmen Nordsee vor zu schneller Auskühlung und dem schnellen Tod schützen würden. In einer umfassenden Sicherheitsinstruktion war zuvor gezeigt worden, wie man die Kabine eines auf dem Wasser umgekippten Helikopters durch die Fensteröffnung verlassen muss. Jeder verfügt über einen am Anzug befestigten Transponder. Nach Wasserkontakt beginnt er Signale zu senden, damit man möglichst schnell im Meer gefunden wird. Damit man als Besucher überhaupt auf die Plattform darf, ist ein ärztliches Attest erforderlich. Am späten Abend des Vortags musste deshalb das ganze Team noch in die Praxis von Doktor Petter Taknæs. Fragen nach regelmässigem Medikamenten- und Drogenkonsum sind dort ebenso zu beantworten wie solche über Krankheiten, Operationen und Beschwerden. Herz- und Lungenfunktion werden ebenso überprüft wie Reflexe von Armen und Beinen. Erst dann überreicht er das Formular „Helseerklæring“. Zwei Jahre gilt nun dieses ärztliche Attest für den Aufenthalt auf Bohrinseln in Norwegen.
Den guten Ruf schützen
„Als grösste Gesellschaft Norwegens haben wir einen guten Ruf. Der ist schnell verloren. Deshalb haben wir extrem hohe Sicherheitsstandards und kehren alles vor, um Unfälle und andere negative Ereignisse zu vermeiden“, begründet Sverre Kojedal von der StatoilHydro-Kommunikationsabteilung diese Massnahme. Und weist gleich noch darauf hin, dass der Konzern wegen der Unfallgefahr auch keine Taucher mehr einsetzt. „Das machen wir heute alles mit ferngesteuerten Robotern.“
Bei Alarm sofort ins Rettungsschiff
Aus den Kopfhörern kommt die Anweisung des Piloten, die Haube des Anzugs über den Kopf zu ziehen. Durch das Fenster wird Njord A sichtbar. Anflug und Landung gehören zu den heikelsten Phasen des Flugs. Trotz stürmischem Wind und bewegter Plattform setzt der Super-Puma sanft auf dem Landeplatz auf. Ein Plattform-Mitarbeiter weist den Weg zur Treppe, ein anderer entlädt den Gepäckraum. Ein Stockwerk tiefer im Empfangsraum heisst uns Plattformchef Olav Godø willkommen. Und drückt gleich jedem eine fünflibergrosse Plakette in die Hand. Darauf stehen die Nummer des Rettungsschiffs und des Sitzplatzes, der nach entsprechendem Alarm sofort einzunehmen ist. Wenig später wird uns das Video über Sicherheit vorgespielt, dann im Rettungsschiff dessen Benutzung demonstriert. Eine Art U-Boot, je zwei an den beiden gegenüberliegenden Seiten der Plattform platziert. Der Bug ist bereits nach unten zum Meer geneigt. Darin in Reihen Sitze für rund 70 Personen. Mit einem Becken- und Stirngurt muss man sich am Sitz festschnallen. Dann würde das Schiff ins Wasser katapultiert und zum Spielball der Wellen. Eng und dunkel ist es da drin, müffelig die Luft, fast wie in einem Sarg. Doch es soll Trinkwasser und Tabletten gegen Seekrankheit an Bord haben. Auch auf vielen Versorgungschiffen sieht man auf jeder Seite ein derartiges orangefarbenes „lifeboat“.
Mehrfach auf dem Meeresgrund verankert
Die Bohr- und Förderplattform Njord ist seit 1997 in Betrieb. Rund 330 Meter tief ist das Wasser hier. Die Plattform schwimmt, an jeder der vier Ecken ist sie mit dreifacher Verankerung auf dem Grund fixiert. Zuerst wurde nur Öl gefördert und das Gas wieder zurück in den Boden gepumpt. Mit Kosten von über 200 Millionen Franken wurde die Insel letztes Jahr dann auch für die Produktion von Erdgas aufgerüstet, fast 100 weitere Millionen kosteten neue Bohrungen. Aus den insgesamt 14 Bohrlöchern strömt ein Gemisch aus Rohöl, Erdgas und Wasser. „Das kommt von selbst, man muss nicht einmal pumpen“, sagt Sissel Bergset, die uns als Führerin begleitet. Sie kennt die Anlage bis in den hintersten Winkel, hat dort 3 Jahre lang als Plattformchef gearbeitet. Jeweils 2 Wochen Dienst, täglich 12 Stunden Arbeit, abzüglich 1 Stunde für Mittagessen und 2 Pausen. Dann 4 Wochen frei und wieder 2 Wochen Dienst. Harte Arbeit, doch die Löhne der Arbeiter sind bis zu dreimal höher als in einem vergleichbaren Job auf dem Festland.
Arbeitsplatz von über 100 Menschen
Rund 120 bis 130 Personen arbeiten jeweils auf Njord A in vier Bereichen: Bohren, Betrieb, Unterhalt und Unterkunft. 45 kleine Doppel- und 47 Einzelzimmer mit eigener Dusche und Toilette umfasst die Insel. Zudem Büros, Leitstelle, Werkstätten, Kantine und Küche, Freizeit- und Fitnessräume und Sanitätszimmer. Die 3 Stockwerke sind mit Treppen und Lift verbunden. Täglich produziert die Plattform 20‘000 Fass (3,1 Mio. Liter) Öl und 6 Mio. Kubikmeter Erdgas. Doppelt so viel Erdgas wie Öl. In Separatoren wird getrennt, was aus den bis 3‘000 Meter tiefen Bohrungen kommt. Das Öl fliesst über eine knapp 4 km lange Leitung zu Njord B, einem fest verankerten, unbemannten Tankschiff. Mindestens einmal pro Woche wird das Öl mit einem Tanker abtransportiert. Das Erdgas wird aufbereitet und komprimiert, dann gelangt es durch eine 40 km lange Pipeline zur Asgard-Transportleitung, die auf dem Meeresgrund nach Kårstø führt. Von dort wieder durch eine Leitung in der Nordsee bis nach Emden und dort ins deutsche Transportnetz. Insgesamt rund 2’000 km legt das Njord-Erdgas zurück, bis es in der Schweiz ankommt. Das Wasser aus den Bohrlöchern wird wieder in den Untergrund gepumpt und erhöht so den Druck in den Lagerstätten.
Überall Sensoren
Zur Zeit unseres Besuchs sind Arbeiter einer Drittfirma daran, eine neue Bohrung zu machen. Wellen schlagen an die vier Eckpfeiler der Plattform, Gischt spritzt. Es scheint, als bewege sich das Bohrgestänge ständig auf und ab. Doch es ist die Plattform, die sich mit den Wellen 5 bis 6 Meter vertikal und leicht seitlich bewegt. Höchste Sicherheitsstufe gilt beim Bohrgestänge, laufend wird die Luft auf Methananteile gemessen. Denn Explosion oder Brand gelten als schlimmste Ereignisse. Sogar Fotos sind nur erlaubt, wenn das Blitzlicht ausgeschaltet und mit schwarzem Klebeband überklebt ist. Denn sonst könnte einer der vielen Sensoren plötzlich ein Feuer melden, Alarm auslösen und die ganze Anlage stoppen. Und wir müssten alle sofort ins “lifeboat”.
Die Mitarbeiter bei Laune halten
Viel zu schnell ist Abend geworden. Plattform-Chef Godø lädt noch in die Kantine zum Nachtessen ein. „Wir müssen unsere Leute bei Laune halten“, sagt er mit Hinweis auf die grosse Auswahl am Buffet mit Vorspeisen, mehreren Hauptgerichten und Desserts. Alkohol ist verboten, es gibt jedoch Wein und Bier, aber alkoholfrei. Nachdem niemand vom Team seekrank ist, können wir nun herzhaft zugreifen. Die Lautsprecheranlage vermeldet, dass sich der Rückflug verzögern wird. Eine halbe, eine ganze Stunde. Dann die Meldung, dass die Windgeschwindigkeit die Sicherheitslimite für Landungen überschritten hat. Die Lichter um den Landeplatz schalten von grün auf rot. Freie Betten wären vorhanden, die Lebensmittelvorräte reichen für Wochen. Warten in den Polstersesseln eines Aufenthaltsraums. An der Wand ein Bild mit einem grossen Schiff. Langsam schaukelt das Schiff auf und ab, im Takt der bewegten Plattform. Kurz vor Mitternacht haben die Winde leicht nachgelassen. Wir ziehen wieder unsere Überlebensanzüge an, steigen die Treppe zur Landeplattform hoch. Wenig später kreist der Helikopter um die taghell beleuchtete Njord A. Dann nimmt der Pilot wieder Kurs aufs Festland. (bä.)
| Fakten und Zahlen |
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| Die Plattform Njord A wird von StatoilHydro betrieben. Das Unternehmen ist mit 20 Prozent daran beteiligt, gleiche Anteile haben Gaz de France und ExxonMobil. E.On Ruhrgas ist mit 30%, Petoro mit 7,5 und Endeavour Energy mit 2,5% beteiligt. StatoilHydro ist aus dem Zusammenschluss von Statoil und den Erdöl- und Erdgas-Aktivitäten von Norsk Hydro im Oktober 2007 entstanden. Beide Unternehmen waren bereits über 30 Jahre im Fördergeschäft tätig. Der neue Konzern mit Sitz in Stavanger ist börsenkotiert. Heute beschäftigt er rund 31‘000 Mitarbeitende in 40 Ländern. Das grösste norwegische Unternehmen ist mehrheitlich immer noch in Staatsbesitz. Seinen Wert beziffert das Unternehmen mit 500 Mrd. Kronen, was über 100 Mrd. Franken entspricht. Täglich fördert der Konzern weltweit Öl und Gas, das 1,7 Mio. Fass Öl entspricht (1 Fass = 159 Liter). Er ist weltweiter Marktführer in Tiefwasser-Technologie. Norwegen förderte letztes Jahr 90 Mrd. Kubikmeter Erdgas und 933 Mio. Fass Öl. Der grösste Teil stammte von StatoilHydro. Das Unternehmen betreibt rund 40 Förderanlagen im Land. Die Erdgas-Förderung Norwegens entspricht knapp 30 mal dem Schweizer Bedarf (3,4 Mrd. m3). Aus Norwegen stammte letztes Jahr 21% des Schweizer Erdgas-Bedarfs. Swissgas ist seit 2007 mit 10% an der Bayerngas Norge in Oslo beteiligt. Damit wird die Schweiz erstmals direkten Zugang zu Erdgas-Förderstätten im Ausland haben, so bald die Gesellschaft selber Erdgas fördern wird. Weitere Informationen StatoilHydro www.statoilhydro.com Plattform Njord http://www.statoilhydro.com/en/ouroperations/explorationprod/ncs/njord/pages/default.aspx Wetter Plattform Njord http://www.yr.no/place/Norway/Hav/Njord_A/ TV-Sendung Einstein vom 20.11.2008 http://www.sf.tv/sf1/einstein/sendung.php?docid=20081120 Gasorama-Bericht über Bohrplattform Ekofisk 2003 Gasorama 6/2003 |







